Web 2.0 im OpenSource-Bereich

Igor Marijanovic, Michael Theml, Erik Schumacher

 

Web 2.0 und Linux

Die Webpräsenz der OpenSource-Community begann bereits mit den ersten größeren Softwareprojekten die frei verfügbar gemacht wurden. Einen starken Zustrom erlebte die Community durch die Freigabe des ersten Linux Kernels im September 1991 durch Linus Torvalds. Er erhielt darauf hin Mails mit Feedback, Anregungen und Verbesserungsvorschlägen. Damit entstanden die ersten Mailinglisten, die auch bis heute noch Bestand haben und die in der Entwicklung des Kernels immer noch eine Rolle spielen. Diese Form von Austausch ist aber nur innerhalb einer Gruppe möglich und schließt die Öffentlichkeit fast vollständig aus. Kein Außenstehender hat die Möglichkeit einen kleinen (aber vielleicht bedeutenden) Gedanken einzubringen, ohne sich durch die Tiefen der Mails zu wühlen, sofern er überhaupt die Möglichkeit hat, die Nachrichten ohne weiteres zu lesen.

Ein zweiter Punkt, der bis dahin ungelöst war, sind auftauchende Probleme. Zu Beginn weniger ein Problem, da Interessierte meist selber eine Lösung finden konnten, stieg die Zahl der weniger fachwissenden Nutzer über die Jahre weiter an. Fragen die sich auf eigentlich leicht zu lösende Probleme bezogen wurden häufiger und tauchten auch in den Mailinglisten zuhauf auf. Kaum jemand machte sich vorher die Arbeit, frühere Mails in den halböffentlichen Listen zu durchsuchen und die Lösung zu finden. In den späten 90ern entwickelten sich nun auch Webforen, in denen Nutzer sich untereinander helfen konnten. Die erste ganz öffentliche Form der Kollaboration im OpenSource Bereich. Sie sind bis heute ein Kernbestandteil für schnelle Hilfe für (nicht nur) OpenSource-Projekte und auch Anlaufpunkt für viele Neueinsteiger, die in Foren Antworten zu häufigen Anfängerfragen finden, die sonst zu Tausenden in den Mailinglisten untergehen würden.

Daneben entwickelten sich die Wikis. Für einige Linuxdistributionen sind Foren und Wikis in einer Website untergebracht, sodass eine sehr enge Verknüpfung besteht und Nutzern die Informationsbeschaffung erleichtert wird (bspw. unter ubuntuusers.de). Viele Wikis sind vor allem für Anfänger das erste Ziel, wenn sie nicht weiter wissen. Die Einsteiger-Artikel verlangen kaum Vorwissen und sind häufig von Mitgliedern geschrieben, die ihre eigenen Anfängerprobleme aufgegriffen haben und nun Erklärung und Lösung zum Wiki beitragen.

Auch die Entwickler erhalten nun immer mehr Unterstützung aus der Community. Die Entwicklerplatform „Launchpad“, ursprünglich für Ubuntu, heute für auch für alle anknüpfenden Projekte (Firefox, GIMP, …), bietet viele Werkzeuge zur Fehlerdokumentation, Übersetzung und Verwaltung von Quellcode. Mitglieder stehen im direkten Kontakt zu den Entwicklern und arbeiten so gemeinsam daran, Projekte voranzubringen. Viele neue Ideen und Anregungen kommen hier von einfachen Mitgliedern und fließen in zukünftige Versionen mit ein. Es sind einfache Dinge, die hier die Entwicklung vorantreiben und verbessern.

Diversity oder Divide?

 

Die Tatsache, dass überwiegend Männer in der Informatik tätig sind, erstreckt sich auch in den OpenSource-Bereich. Die Frauenquote in Informatik-Studiengängen liegt in Deutschland bei etwa 15%.[1] Weltweit sind etwa 25-30% der Informatikstudenten Frauen.[2] Ebenso wird der Frauenanteil in Webforen und auf Entwicklungsplattformen sein. Dennoch hat diese Verteilung in der Zusammenarbeit kaum Nachteile. In einer freien Community werden sich nur Leute anmelden, die am Thema interessiert sind. Und da die Informatik weniger Frauen als Männer anspricht, was man in diversen Studiengängen in dieser Richtung erfährt, ergibt sich eben eine männliche Mehrheit.

Wer sich nun hinter anonymen Nicknames in Foren herumtreibt, weiß niemand. Und wenn er oder sie gute Ratschläge gibt und hilft, dann wirkt sich das in keinster Weise negativ auf die Community aus. Wer einen Wiki-Artikel liest, wird sich mehr für den Inhalt interessieren, als sich über den Frauenanteil am Artikel zu beklagen.

Eines der besten Beispiele für die Diversität, die das Web 2.0 für Open Source Projekt bietet sind die etlichen verschiedenen Übersetzungen. So existieren von den meisten Programmen als Ausgangspunkt nur einsprachige Versionen ,wobei nach kürzester Zeit die Community die Übersetzung in verschiedenste Sprachen übernimmt solange der Bedarf gesehen wird, wodurch in kurzer Zeit in sehr viele Sprachen übersetzt werden kann.

Für Entwickler bietet sich dank der Web 2.0 Nutzung die großartige Möglichkeit direkt mit einer großen Gruppe an Usern zu Kommunizieren, wodurch Testläufe und Fehlersuche in kurzer Zeit und ohne großen finanziellen oder logistischen Aufwand durchgeführt werden können, wobei durch die verschiedenen Blickwinkel der Tester, welche vom Wissensstand vom einfachen PC-Nutzer bis hin zu Erfahrenen Programmierern reichen, ein sehr breites Spektrum an Fehlern entdeckt werden kann.

Problematisch kann auch die Ausgrenzung einzelner Personengruppen auf Web 2.0 Plattformen sein. Dies kann von Rassistischen Äußerungen bis hin zum Sperren von Accounts reichen. Dagegen werden auf Websites zum Bugtracking (Fehlersuche im Programm) wie Launchpad.net keinerlei persönliche Daten öffentlich sichtbar wodurch z.B. Geschlecht und Ethnische Zugehörigkeit Höchstens am verwendeten Nickname zu erahnen sind.

Ein Nachteil ist die deutliche Spaltung in den verschiedenen Altersgruppen, welche in einem Generationenkonflikt gründen der sich durch die Gesamte Computerbranche zieht. Gerade die Ältere Generation 50+ tut sich zum Teil noch sehr schwer und sieht in Social Networks, Smartphones, und der hochdigitalisierten Welt von heute noch keine vorteile für sich. So waren beispielsweise auf Facebook im Juli 2012 deutlich mehr als die Hälfte aller User unter 35 [3]. Aufgrund der Datenpolitik von Websites wie Launchpad.net oder Ubuntuusers.de ist es Schwierig für diese Websites zu bestimmen wie die Altersverteilung ist.

[1]: http://www.sueddeutsche.de/digital/frauen-in-der-informatik-deutschland-ist-rueckstaendig-1.1069011

[2]: http://en.wikipedia.org/wiki/Women_in_computing

[3]:http://allfacebook.de/zahlen_fakten/facebook-nutzerdaten-im-juli-2012-2375-millionen-aktive-nutzer-in-deutschland/

Kultur und Recht im web 2.0

Inwiefern kann die Rechtsprechung heute noch mit den Entwicklungen der letzten Jahre mithalten? In Deutschland wird versucht aus alten Gesetzen, für Printmedien und physische Datenträger, durch Anpassung dieser eine Gesetzessammlung zu schaffen die dem „realen Leben“ im Internet gerecht wird. Ist das überhaupt möglich? Es gibt immer wieder fälle wo gekaufte Software durch einen Persönlichen Account Personengebunden wird um Weiterverkauf zu verhindern. Die Rechtsprechung reagiert leider meist viel zu langsam auf das schnelllebige Netz so das mit klassischen Gesetzesstrukturen dem treiben im Internet fast nicht beigekommen werden kann. Ein weiteres Problem ist die Globalität. Was nützt es mir in Deutschland wenn ein Beklagter am anderen ende der Welt sitzt, ich vielleicht den Prozess gewinne aber am ende doch nichts dabei rauskommt da keine Vollstreckungsabkommen zwischen den Ländern existieren? Oder anders wie sieht es mit Inhalten aus, die in einigen Ländern unter Todesstrafe stehen, in Deutschland aber legal sind wie zum Beispiel Karikaturen von Mohammed? Könnte man ein weltweit einheitliches „Internetgesetz“ verabschieden? Wahrscheinlich nicht. Genauso kann man nicht bei der Auswahl der Inhalte auf alle Gepflogenheiten und Sitten jeglicher Länder Rücksicht nehmen. Wozu das führen kann ist zum Beispiel eine Aufspaltung der sozialen Netzwerke, so soll mitte Juli eine Islamisch ausgerichtete alternative zu Facebook online gehen. An sich kein Problem zeigen diese Tendenzen jedoch wieder auf wie schnell aus einem großen Netzwerk in dem die ganze Welt vertreten ist wieder mehrere kleine entstehen können, welche auch wieder nur einzelne Gruppen ansprechen (sollen) und sich dadurch von anderen Gruppen abspalten.

Kollaboration im web 2.0

Hier treten meiner Meinung nach die Vorteile des web 2.0 am stärksten hervor. Wie mühsam ist es ohne die Kommunikation mit Mitmenschen, ob virtuell oder real, etwas auszuarbeiten. Bücher sind nicht immer zu jedem Thema vorhanden, versierte Freunde oder Kollegen nicht immer greifbar. Schaut man sich nun große Projekte, wie Linux, an ist es heute unvorstellbar eine derartige Vielfalt an Anwendungen und Übersetzungen zu erstellen, wenn nicht mit der Hilfe von abertausenden Helfern weltweit, die sich irgendwie verständigen und koordinieren müssen. Aber selbst „einfache“ Dinge wie Rezeptsammlungen, Bauanleitungen oder andere Hilfestellungen zu Lehre oder Arbeit sind in diesem Umfang nie durch einzelne Autoren oder selbst Verlage zu bewerkstelligen. Die Schattenseite der Medaille ist das jede Information, egal ob sinnlos, falsch oder genau richtig, meist ungefiltert veröffentlicht wird, wobei da in den meisten fällen auf die Community verlass ist das falsche aussagen in kurzer zeit berichtigt oder gelöscht werden wodurch gerade weit verbreitete Probleme zuhauf erläutert und korrigiert werden und man nun nur noch zwischen diesen Erläuterungen vergleichen muss. Alles in allem sind die meisten der Hilfestellungen recht gut und mit ein wenig Sachverstand lassen sich eindeutig falsche Anweisungen schnell erkennen. Bleibt nur noch das Problem wenn jemand überhaupt keine Ahnung von dem hat was er sich erklären lassen möchte. Da ist vielleicht doch der Weg in die Bibliothek oder zu bekannten die bessere Wahl.

Identitaet im web 2.0

Was ist die Identität im web 2.0 noch wert? Jeder kann sich, sobald er Namen und Foto einer Person hat jede beliebige Identität zulegen. Selbst komplett fiktive Personen lassen sich ohne weiteres erfinden und mit leben füllen. Bestes Beispiel wie so oft ist hier Facebook. Solange ich einen Namen mit Foto habe finden sich schnell Menschen die mit mir befreundet sein wollen nur um der Facebook Freunde willen. Habe ich erst einmal einen Account mit Beschreibung Lebenslauf und Freunden wird in der virtuellen Welt niemand mehr anzweifeln das ich wirklich existiere. Was im ersten Moment harmlos klingt lässt sich dank Twitter, Facebook und Co schnell nutzen um ganze Menschenmengen zu beschäftigen. Ein Beispiel ist das kürzlich auf Twitter aufgetauchte #cut4bieber, wobei dazu aufgerufen wurde das sich Fans als Protest gegen den haschischkonsum des sogenannten Sängers ritzen sollten. Wunderbar wie es diese, auf halbwegs vernünftige Menschen sinnlos erscheinende, Idee ihren weg innerhalb von Stunden in die Nachrichten der westlichen Welt geschafft hat.